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2016-01-31

Tarantino auf 70mm : THE HATEFUL EIGHT Roadshow


Gestern war ich im Kino.

Diese Aussage allein ist ja schon eine kleine Sensation, was vor allem damit zu tun hat, dass man hier in der norddeutschen Provinz meistens weit fahren muss, um Filme im Originalton sehen zu können. Und so sehr Cineast bin ich dann einfach nicht.

Aber für eine spezielle Aufführung des achten Films von Quentin Tarantino kann man auch mal den Arsch hochbekommen. Zumal das Savoy-Kino in Hamburg in diesem Fall noch sehr nahe war, denn die "The Hateful Eight" Roadshow ist im deutschsprachigen Raum sonst nur in Berlin, Essen, Karlsruhe und Wien zu sehen.

Tarantinos Werke sind ja immer auch Reflektionen über die Geschichte des Kinos und der Liebe des Regisseurs zu dessen verschiedenen Genres, Phasen und Präsentationsformen.
Sein erster Versuch, eine Kinotradition als komplettes Erlebnis wiederaufleben zu lassen, das zusammen mit Robert Rodriguez aufgezogene B-Movie-Doppelpack "Grindhouse", war allerdings ein Flop, da viele Besucher gar nicht verstanden hatten, dass ihr Ticket für zwei komplette Filme (plus Fake-Trailer dazwischen) galt und den Saal schon viel zu früh wieder verließen.

Das aus den 50er bis 60er Jahren stammende Konzept der Roadshow ist zum Glück idiotensicherer und bedeutet im Grunde nur, dass in exklusiven Vorstellungen eine längere Version des Films mit musikalischer Ouvertüre und Pause gezeigt wird und es dazu evtl. noch Souvenirs gibt.

Und dann ist da in diesem Fall natürlich noch das zentrale Merkmal, wegen dem nur so wenige Kinos in der Lage sind, "The Hateful Eight" in seiner Idealform zu zeigen, nämlich das seit fünfzig Jahren nicht mehr verwendete 70mm-Filmformat.

Das am Eingang des Saals verteilte, etwa schallplattensinglegroße Begleitheft sagt dazu folgendes:


Da die meisten Kinos erst kostspielige Umbaumaßnahmen durchführen mussten (auch das Savoy hat im fünfstelligen Bereich investiert), wird diese Präsentation des Filmes tatsächlich wohl kaum jemandem nennenswerten Gewinn einbringen, sondern muss vor allem als Prestige-Projekt traditionsbewusster Filmtheater gelten.

Und lohnt es sich für den Zuschauer?
Klare Antwort: auf jeden Fall!

Egal, ob es weite verschneite Berglandschaften sind, oder die Close-Ups und raumumfassenden Totalen des Kammerspieles, in welches "The Hateful Eight" bald mündet - niemals war Tarantino so umfassend, räumlich und episch in seinen Bildkompositionen.

Es sollen vor allem die ganz langen, für die Handlung nicht zwingend nötigen Kameraeinstellungen, in denen das Format ohne Eile ausgekostet wird, sein, die im regulären Release kürzer geschnitten wurden. In diesem originalen Cut kann man sich daran allerdings gar nicht satt sehen.

Von mir aus könnten ruhig noch mehr Regisseure diese beeindruckende Technik wieder aufgreifen. In meinen Augen ist das wesentlich interessanter, ästhetischer und wirkungsvoller als jede 3D-Spielerei.



Zur Handlung des Streifens selbst halte ich mich mal bedeckt. Mich hat es schon genervt, dass neulich ein SPON-Schreiber schon in den ersten Sätzen seiner Filmkritik derbe spoilern musste.

In der Besetzung finden sich viele aus früheren Tarantino-Filmen bekannte Gesichter wie Tim Roth, Michael Madsen und Kurt Russell, und wollte man "The Hateful Eight" in seiner Filmographie einordnen, so ist unübersehbar, dass er an einige Ideen von "Django Unchained" direkt anknüpft. Doch trotz des visuell nun ungleich größeren Rahmens und dem mächtigen (erstmal komplett originalen) Ennio Morricone-Scores fühle ich mich aufgrund des teils theaterhaften Set-Ups doch am ehesten an sein Debüt "Reservoir Dogs" erinnert.

Natürlich gibt es auch ohne Kofferaum-Shot oder nackte Damenfüße einige weitere bekannte - optische wie erzählerische - Motive aus Tarantinos Universum.
So ist die Identität des "Niggers" in Amerika schon genauso lange eine Komponente seiner Arbeit wie die Kooperation mit Samuel L. Jackson. Ebenso dürfte es keinen Zweifel geben, welche Zigarettenmarke hier geraucht wird. In einem Jackson-Dialog kann man sich problemlos "burger" statt "stew" denken. Auch die Annahme, dass ein testosterongeladenes, angespanntes Westernszenario bei Tarantino ohne zumindest eine Spur überhöhten Gewaltexzess auskommt, ist eher unrealistisch.
Und eine ganz entscheidende Schlüsselszene des Films variiert effektvoll ein Ereignis aus "Inglouriuos Basterds".

Wo ich den Film insgesamt qualitativ einordnen soll, ganz ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Die Handlung ist die meiste Zeit über dialoglastig und lässt mehr als ein Ende offen, um das Tarantino sich bewusst nicht kümmern möchte, da er lieber (und zu Recht) die Form zelebriert. Und deren Wirkung hat sich in dieser Roadshow ja größtmöglichst entfaltet.

Zur finalen Beurteilung braucht es dann wohl erst die reduziertere Heimkinoerfahrung.
Wenn man denn überhaupt so eine Beurteilung braucht.
Denn ob man wie ich "Jackie Brown" favorisiert, oder "Kill Bill" oder "Pulp Fiction" - Für die restlichen Filme gilt doch trotzdem immer:

Es ist ein Tarantino! --> Geil!

Basta.


Also HamburgerBerlinerKarlsruherEssenerWiener - falls es noch Plätze gibt, schaut euch das Ding an!




2016-01-29

COSTIN CHIOREANU - The Quest For A Morning Star

Die Medienlandschaft - und zum Teil auch die von ihr oft verzerrt abgebildete Realität - ist unglaublich atemlos geworden. Wir stürzen von einer (mal echten, mal gefühlten) Katastrophe in die nächste. Kann man dieses Dauerfeuer überhaupt noch rational verarbeiten?

Jetzt einmal ganz ehrlich und im Ernst:

Wer in Deutschland erinnert sich noch daran, dass sich gerade erst am 30. Oktober 2015 eines der größten Veranstaltungsunglücke (also nicht Terroranschläge) der europäischen Geschichte, mit drei Mal so vielen Todesopfern wie bei der Love Parade in Duisburg  ereignet hat, in dessen Folge der Ministerpräsident und das Kabinett des EU-Mitgliedstaates Rumänien zurückgetreten sind?

Jenseits dieser politischen Dimension waren der Brand und die Massenpanik im Club Colectiv für die Metalszene Bukarests natürlich vor allem eine persönliche Tragödie, denn bei 63 Toten und weit über hundert Verletzten ist ja jeder zumindest indirekt im Bekanntenkreis betroffen.


Der rumänische Künstler Costin Chioreanu ist den meisten Metalfans wahrscheinlich am ehesten als aktuell sehr angesagter Zeichner und Layouter von Albumcovern und Konzertplakaten ein Begriff. Zu seinen bekanntesten Werken dürften die Cover der letzten Alben von At The Gates und Arch Enemy, aber auch diverse Arbeiten für Grave zählen. Außerdem hat er zahlreiche abgefahrene Poster für das Roadburn Festival zu verantworten, die mich auch dazu bewogen haben, ihn sozialmedial zu verfolgen.

Chioreanu ist zudem Musiker, u.a. in der Band Bloodway, und hat mit Hilfe des Labels Advantgarde Music nun kurzfristig ein Album unter seinem eigenen Namen herausgebracht, dessen Einnahmen Opfern des 30. Oktobers zu Gute kommen.



COSTIN CHIOREANU & SPECIAL GUESTS - The Quest For A Morning Star (2016)

Die sieben Tracks dieses Albums sind im Zeitraum der vergangenen fünf Jahre entstanden und waren eigentlich nie für Veröffentlichung in dieser Form vorgesehen.
Es handelt sich um die Soundtracks zu Ausstellungen und Kunstfilmen Chioreanus, die er teilweise gemeinsam mit befreundeten Gastmusikern, teilweise alleine (Gitarre, Bass, Piano, Effekte) eingespielt  hat.

Musikalisch handelt es sich um ein Album, das ich gar nicht in allzu viele Kleinteile zerpflücken kann und mag. "The Quest For A Morning Star" lebt ohnehin viel mehr von seiner extrem schwermütigen Stimmung als von griffiger stilistischer Einsortierbarkeit.

Grob kann man die Musik wohl am ehesten dem als Horror-Soundtrack tauglichen, experimentellen Dark Ambient zuordnen. Das eröffnet zunächst einmal Vergleiche zu entsprechenden Phasen von Ulver oder auch zu den "Black Aria"-Solowerken von Glenn Danzig.
Zumindest vom Gefühl her sind sicherlich auch Spuren von Urfaust oder Elend auszumachen.

Der gesamte Fluss der Stücke erinnert mich irgendwie auch an die Advantgardisten John Zorn und Toby Driver bzw. dessen Band Kayo Dot, auch wenn es hier weitaus weniger jazzig zugeht, sondern eher im getragen repetiven Stil langsamer Dead Can Dance-Kompositionen, vor allem wenn das Keyboard die Führung übernimmt.

Steht eher die Gitarre im Vordergrund, dann muss ich in ruhigeren Passagen an Earth und The Mars Volta denken. An anderen Stellen könnte auch Justin Broadrick im Jesu-Modus seine Finger im Spiel gehabt haben.

Zum Vergleich mit Sunn O))) fehlt eigentlich das mächtige Gedröhne, anderseits sind da aber auch ein paar ganz offene Black Metal-Anleihen, die der Adapation des Genres durch Sunn O)))s "Black One" nicht unähnlich sind.
Und dann ist da natürlich der mir vor allem durch seine Kooperationen mit den Dronedoomern vertraute Gurgelsprecher Attila Csihar, der im einzigen nicht rein instrumentalen Track "Outside The Great Circle" zu Wort kommt.

Zu den größten Gefühlen holt "The Quest For A Morning Star" aus, sobald die Geige mit der todtraurigen Schönheit von My Dying Bride erklingt.


Mit mehrmaligem Hören könnte ich dieses Namedropping vermutlich noch länger fortführen. Oft sind es entweder nur Momente oder generell der Charakter der Stücke, die mich an andere Künstler erinnern, kopiert wirkt es auf mich jedoch nie.
Dafür, dass das Material über so einen langen Zeitraum mit unterschiedlichen Besetzungen entstanden ist und manchmal auch viele sehr unterschiedliche Klangfarben aufeinander folgen, ist das Album erstaunlich homogen geraten.

Vor allem aber ist es wirklich sehr tief und bewegend.
Weder leicht zu fassen noch in Worten zu vermitteln, aber ein zeitloses, großes, persönliches Stück epischer, düsterer und wundervoller Musik.


Die CD ist kommt im sehr schön aufgemachten, handnummerierten, dvd-formatigen Digipack inklusive diverser Bilder des Künstlers. Es ist also auch optisch eine hervorragende Veröffentlichung.



Noch ist der Tonträger z.B. für fünfzehn Euro über Bandcamp zu haben und ich kann die Anschaffung nur uneingeschränkt empfehlen!

Ein Schmuckstück für die Sammlung und eine dunkle Wohltat für Ohren und Seele.


Anspieltipps: An Empire Beneath Oblivion, Ihwaz, A Storm Shall Take The Words Away


2016-01-23

KUNG FURY - Original Motion Picture Soundtrack

"Fuck! Jetzt wünschte ich, ich hätte den kompletten Soundtrack!
Aber der wird momentan für um die hundert Euro verwuchert..."
So sah es neulich noch aus, als ich David Hasselhoffs Leadsingle "True Survivor" aus dem Soundtrack zum filmischen Trashfest "Kung Fury" rezensierte.

Inzwischen gibt es jedoch zum Glück eine neue Pressung, der ich natürlich nicht widerstehen konnte.



KUNG FURY - Original Motion Picture Soundtrack (red vinyl) (2015)

Die offensichtliche Frage ist natürlich: Kann sich der Soundtrack zu einem nur halbstündigen Film, den es umsonst im Internet zu sehen gibt, überhaupt quantitativ lohnen?
Die LP ist tatsächlich länger als der Film, deswegen eindeutig: Ja!

Und qualitativ? Die Frage ist ein wenig komplizierter, da es sich sowohl beim Film als auch bei seiner Musik um eine vollkommen überzogene Huldigung der Serien, Videospiele und Filme der 80er Jahre handelt. Mitch Murder, Lost Years und einige weitere Künstler haben hier einen selbstbewussten Synthwave-Soundtrack komponiert, in dem jedes Computer-Drumfill, jeder Spacesound, jeder Powerbasslauf und jedes Lasergitarrensolo ein Statement und (fiktives) Zeitdokument ist.

Es gibt einerseits ganz offensichtlich ironische Momente wie das schmachtende Schulterpolstersaxophon in "Careful Shouting" von Highway Superstar oder der absichtlich nicht ganz gelungene Metal-Versuch "Barbarianna", anderseits aber auch ohne den Kontext erstaunlich gut funktionierende Tracks wie die Single von David Hasselhoff.

Die besten Persiflagen entstehen oft aus Liebe zur Sache, und das gilt auch für das gesamte "Kung Fury"-Projekt. Auf dem Soundtrack stehen vor allem die Tracks von Mitch Murder, von dem die Hälfte des Albums stammt, für den gelungenen Spagat aus Spaß an Klischees und wirklich gut gemachter Elektromucke.

Sehr schön videospielmäß jumpt und runt auch "Redlining 6th", der Beitrag von Betamaxx.

Die größten Highlights sind allerdings die drei Tracks von Lost Years, welche zwar in ihrer klanglichen Verpackung voll auf Linie sind, kompositorisch aber auch aus einem "Miami Vice"-Tribut von Zombi stammen könnten. Was im Grunde ja das "Escape Velocity"-Album umschreibt. Wirklich geile Stücke!

Die Produktion ist inklusive gewollter Schwächen (manchmal leiert es z.B. wie auf einer alten VHS-Kassette) tadellos.

Schade nur, das mir mein schickes rotes Vinyl leider mit ein paar bösen kleinen Kratzern geliefert wurde, die gerade im Finale "Nuclear" schon leicht nerven; aber eben nicht genug, um die Auslandssendung zu reklamieren... Die meisten Plattenhörer werden den Zwiespalt kennen.

Witzig ist dafür, dass auf die doppelseitig bedruckte Platteninnenhülle das gesamte Drehbuch des Films Platz findet, und das, obwohl eine Passage versehentlich gedoppelt wurde. 


"Kung Fury" ist nicht nur der absolut wie die Faust aufs Auge passende Soundtrack, ohne den der Film gar nicht funktionieren würde, sondern auch bei ausgeschaltetem Augen- und Ohrenzwinkern immer noch eine kurzweilige Sammlung von fett fetzigem Vokuhila-meets-Stirnband-Synthiesound. Subtilität und Feingeist sucht man auf der Platte vergebens, dafür bekommt man eine Menge Spaß und Action.

Wem das nicht irgendwie Freude bereitet, der ist wahrscheinlich Hitler.

Klingt komisch, ist aber so.



Anspieltipps: Phoenix Rising, West Side Lane, Power Move, Nuclear, True Survivor


2016-01-22

PARADISE LOST - The Plague Within

Unter meine Regel, dass ich alle Musik rezensiere, die ich mir im Erscheinungsjahr gekauft habe, fällt dieses Album zwar nicht mehr, doch da ich noch keinen Stau an 2016er Veröffentlichungen habe, mir die Band letztes Jahr im Grünspan sehr gut gefallen hat und sie ja auch beim diesjährigen Roadburn dabei sein wird, halte ich ein kleine Lobpreisung schon für angebracht.


PARADISE LOST - The Plague Within (2LP) (2015)

Eigentlich bin ich ja gar nicht der Ey-macht-mal-wieder-was-mit-Gegrunze-Typ. Und ich fand Paradise Lost auch niemals wirklich schlecht, höchstens mal ein bisschen zu zahm und unaufregend. Aber ich gebe es zu, vor allem nachdem ich neulich nach sehr langer Zeit mal wieder das z.T. noch sehr nach Autopsy klingende Debüt "Lost Paradise" von 1990 wiederentdeckt habe; Paradise Lost waren für mich immer am geilsten, wenn sie bei allem Gothic Rock, Doom und was immer sonst sie verarbeiten, auch hörbar dem Death-Metal gefrönt haben.

Und auf "The Plague Within", der Comebackscheibe von Nick Holmes' Grunzstimme, auf die er wohl durch seinen Zweitjob bei Bloodbath wieder Bock bekommen hat, da stimmt der Mix zwischen all diesen Elementen. Klarer und mediumaggressiver Gesang kommen auch noch vor, und ebenso gilt für die Instrumentalisten, dass sie die gesammelten Erfahrungen der letzten fünfundzwanzig Jahre abrufen und variieren. Doch im Kern ist "The Plague Within" eindeutig als Death Metal-Album zu klassifizieren.

Am stärksten ist vielleicht die zweite Seite (von drei) mit dem Gothic Doom von "Sacrifice The Flame" und "Victim Of The Past". Mein Favorit, der Funeral-Doom-Schleicher "Beneath Broken Earth" klingt in seiner rauen Gruftigkeit sogar an das Debütalbum an und erinnert mich an die Finnen Skepticism - nur ohne tonnenschwere Orgel natürlich.

Auf der anderen Seite enthält "The Plague Within" aber auch einige flotte bis tatsächlich ungewohnt schnelle Stücke. Das geht in Verbindung mit orchestralen Arrangements sogar so weit, dass sich in "Flesh From Bone" Parallelen zu Behemoth erschließen.

Der Refrain von "Punishment Through Time" kann als Hommage an die Death Metal-Urväter Celtic Frost gewertet werden, auch wenn der Midtempostampfer in anderen Passagen sogar einen eher unfrostig groovenden Stoner-Antrich hat.

"Cry Out" pendelt irgendwo zwischen Hard Rock, Gothic Rock und Death'n'Roll - und hat dabei immer noch überraschend viel Substanz.

Alle zehn Songs sind jeder auf seine Weise ähnlich stark.
Die größte Wundertüte, wenn es darum geht, alle Härtegrade und Gesangstile unter einen Hut zu bringen, also quasi das gesamte Album im Kleinen, ist dabei der Ohrwurm "An Eternity Of Lies". Wer den nicht mag, der sollte besser die Finger von der Platte lassen.

Leicht enttäuschend finde ich einzig den Abgang mit "Return To The Sun", an sich auch ein super Lied, aber noch mit so viel mehr Potenzial, es gerade zum Abschluß noch ausladender, epischer werden zu lassen. Oder anders gesagt: Mir endet das Album etwas zu schnell und unspektakulär.


Die größten melodischen und harmonischen Momente hat wie zu erwarten die Leadgitarre zu verantworten. Das Gitarrenspiel von Gregor Mackintosh war neben den dunkelschwarztraurigen Texten ja schon immer das prägendste Stilmerkmal und der Kitt, der bei Paradise Lost alles zusammenhält - und auch "The Plague Within" zu einem stimmigen Gesamtwerk macht.

Das Ding ist bei mir in schwerer Rotation und wächst bis jetzt unaufhörlich. Gut nachvollziehbar, dass es in vielen Jahresend-Toplisten aufgetaucht ist.

Auch optisch macht sich das LP-Cover auf rauhem Karton sehr gut.

Da die Spielzeit nur für drei Schallplattenseiten reicht, ist Seite D "etched", was einerseits immer irgendwie cool aussieht, anderseits in diesem Fall nicht nur blöde zu fotografieren, sondern auch bei direkter Ansicht wirklich sauschwer zu erkennen ist:    



Was soll ich abschließend sagen? Die Engländer beweisen eindrucksvoll, warum sie sowohl im Doom, als auch im Death und Gothic Metal eine Institution sind.

Da hören selbst Leute, die sich seit "Gothic" kein Paradise Lost-Album mehr gekauft haben, wieder genauer hin. *räusper* Sehr gut!

Anspieltipps: Beneath Broken Earth, No Hope In Sight, An Eternity Of Lies, Sacrifice The Flame


2016-01-20

LAIBACH live im Knust, Hamburg (19. Januar 2016)



Laibach sind sehr gut zu Hamburg in letzter Zeit.

Der gestrige Abend markiert mein insgesamt zehntes Laibach-Konzert seit der "Occupied Europe NATO Tour" im Jahr 1994. Die Hälfte davon habe ich in den vergangenen dreieinhalb Jahren erlebt, davon allein die letzten drei seit April 2014 alle in verschiedenen Locations der Hansestadt.

Wenn die Slowenen hier durchgehend die letzten beiden Dekaden so fleißig gewesen wären, dann könnten sie mich ja fast schon langweilen. Davon sind sie aber zum Glück noch weit entfernt, auch wenn sich in den Setlisten der letzten Jahre natürlich vieles - gerade vom "Spectre"-Album - wiederholt. Doch dazu gibt es auch ohne weitere Studioveröffentlichung immer wieder neue spannende Geschichten als Sahnehäubchen.

Die Geschichte, über die in der Öffentlichkeit mehr geredet wurde als über irgendein Laibach-Thema seit den Achtzigern ist natürlich die "Liberation Day Tour" in Nord-Korea vergangenen August. Zu diesem gleichsam skurrilen wie historischen Auftritt habe ich mich hier bereits ausführlich ausgelassen. Laibach werden dazu einen Dokumentarfilm veröffentlichen und haben ihre aktuelle Tour "The Sound Of Music" genannt; nach dem auch im Reich Kim Jong-Uns erlaubten und beim dortigen Konzert zitierten Kitsch-Musical.

Insgesamt war das Programm aber spezifisch auf die aktuelle politische Lage in Europa zugeschnitten. Schon "Spectre" war ja ein europäisches Album. Dazu sind mit "Now You Will Pay" und "The Great Divide" zwei Stücke wieder im Programm, die vor fünfzehn Jahren auf "WAT" die heutige Flüchtlingssituation und den sie begleitenden Wust an Hass und Vorurteilen thematisierten.
Der Opener "Smrt za Smrt" ("Tod für Tod") sowie "Brat Moj" können als Fingerzeig auf den brutalen repressiven Nationalismus gedeutet werden, der auf unserem Kontinent ja leider wieder im rasanten Tempo seine giftigen Wurzeln schlägt.

Und dann ist da natürlich noch die Handvoll Songs aus "The Sound Of Music", einem Musical, dessen Protagonisten aus einer Hollywood-Version Österreichs fliehen. Flüchtlinge vor den Nazis also. Das Ding hat gerade jetzt also nicht nur im Fernen Osten Relevanz.

Die Interpretationen dieser Songs folgen stilistisch dem etwas ruhigeren Tonfall von "Volk" oder "1 VIII 1944 Warszawa", offenbaren allerdings dem Ausgangsmaterial geschuldet auch ein paar ungewöhnlich fröhliche bis alberne Elemente.

In Deutschland gehört das Zeug - anders als in den USA - außerhalb von Julie Andrews-Fankreisen ja nicht unbedingt zum popkulturellen Grundwissen. Wirklich vertraut war mir nur "My Favorite Things", und dass vor allem dadurch, dass die (süd)koreanische Jazzsängerin Youn Sun Nah den Song auf ihrem Album "Same Girl" großartig interpretiert hat.
Ich ging natürlich davon aus, es in der Laibach-Version von der fabelhaften Mina Špiler gesungen zu hören, aber nein, es blieb Milan Fras vorbehalten, mit seinem kehligen Tiefsprech Zeilen wie "Cream colored ponies and crisp apple strudels / Doorbells and sleigh bells and schnitzel with noodles / Wild geese that fly with the moon on their wings / These are a few of my favorite things" zu veredeln.

Und dazu flogen dann Dosensuppen und My Little Pony über die Leinwand. Was auch sonst?


Apropos Leinwand. Als kleinen Minuspunkt muss ich werten, dass im Knust wohl nur ein einzelner Projektor betrieben werden kann, so dass man von der sonst aus zwei Projektionen bestehenden Visualisierung buchstäblich nur die Hälfte sehen konnte.

Ansonsten war höchtens das Wetter zwischen Skandinavien und Hamburg zu bemängeln, wegen dem die Band spät dran war und erst mit einer Dreiviertelstunde Verzögerung beginnen konnte.


Davon abgesehen war aber alles bestens. Die Bühne wäre für die Band eigentlich eine Nummer zu klein, wurde jedoch einen Meter nach vorne erweitert.
Der Sound war super und die Musik ja sowieso. Das Set war eine sehr gut ausgewogene Mischung sanfter und brachialer Töne, und es ist beruhigend zu wissen, dass ein Laibach-Set auch mal problemlos ohne die Gassenhauer "Alle gegen alle" und "Tanz mit Laibach" auskommen kann. So beschränkte sich das Evergreen-Finale auf "B Mashina" und ein Medley beider laibachschen "Life Is Life"-Versionen, wobei gerade "Leben heißt Leben" in der aktuellen Bestzung zu den besten Rausschmeißern gehört, die die Band im Repertoire hat.

Das Programm variiert auf der Tour übrigens in Abhängigkeit davon, ob das örtliche Publikum schon Gelegenheit hatte, den fünfundzwanzigminütigen norwegischen "Olav Tryggvason"-Epos zu genießen, was in Hamburg ja bereits vor weniger als einem Jahr im Kampnagel der Fall war.
Als Ausgleich dienten - wenn ich mir dies richtig zusammenreime - wohl "Walk With Me", "Brat Moj" und wohl noch zwei weitere Stücke, die wegen der Verspätung aus der Setlist gestrichen worden sind. Welche das waren, konnte ich allerdings nicht erkennen.

Gute zwei Stunden dauerte das Konzert inklusive viertelstündigem Intermezzo dennoch. Da kann man nicht meckern. Mal wieder ein toller Abend! Laibach ist eben Laibach.

[edit: Ich vergaß noch zu erwähnen, dass die Bude rappelvoll war. Hamburg ist eben auch gut zu Laibach.]


Setlist:
  • Smrt Za Smrt
  • Now You Will Pay
  • The Great Divide
  • Brat Moj
  • Eurovision
  • Resistance Is Futile
  • Do-Re-Mi
  • Edelweiß
  • The Sound Of Music
  • My Favorite Things
  • Walk With Me
  • The Whistleblowers
  • No History
  • Ballad Of A Thin Man
  • Bossanova
  • B Mashina
  • Opus Dei / Leben heißt Leben

Die Setlist ist ohne Gewähr; gerade die Reihenfolge der "Spectre"-Songs kann auch anders gewesen sein. Die folgenden Harinnezumi-Fotos sind aber garantiert chronologisch korrekt sortiert:
























2016-01-16

DAVID BOWIE - Blackstar

"I know something is very wrong..." 




Wann ist der ideale Zeitpunkt, um ein Album-Review zu schreiben?

Meistens lasse ich mir ja Zeit, bis ich das Gefühl habe, das Werk einigermaßen zu kennen. Letztendlich ist dies hier ja auch mein Privatvergnügen, mit dem ich u.a. aus dem Antrieb heraus angefangen bin, mich selbst bewusster mit der Musik, die ich höre, auseinanderzusetzen. Es gibt also keine Abgabetermine.

Manchmal fühle ich mich aber auch spontan inspiriert, einen frischen Eindruck zu Tastatur zu bringen. Am vergangenen Sonntag hatte ich mit dem Gedanken gespielt, dies beim damals noch neuen (nun ist es ja leider primär das letzte) Album von David Bowie so zu halten, war dann im Laufe des Tages allerdings doch zu faul für ein LP-Review und habe es bei den ersten paar Zeilen für ein Magma-Single belassen.

Ein Fehler?

Montag morgen war das erste, was mir auf facebook entgegenschlug, die Meldung von Bowies Tod, begleitet von einigen Kommentaren, die es ebenfalls nicht glauben mochten und von einem Hoax sprachen. Da die Nachrichtenseiten zu diesem Zeitpunkt noch nicht reagiert hatten, schloss ich mich - innerlich aber durchaus daran zweifelnd - dieser Lesart an, und erst als ich zu Arbeitsbeginn wieder zurück online war, bestand Gewissheit, dass der Starman tatsächlich gegangen war.

Nach seiner langen enigmatischen Medienabstinenz, von der ich - so wie viele - immer annahm, dass sie auch mit gesundheitlichen Gründen zu tun hatte, und vor allem nach den beiden düsteren Videos zu "Blackstar" und "Lazarus", war ich nicht wirklich überrascht, wohl aber schockiert und betrübt. Selten habe ich eine Spam-Callcenter-Mitarbeiterin so pampig abgewatscht, wie jene, die gerade in diesem Moment anrufen musste...

Neulich erst Lemmy - ebenfalls zwei Tage nach seinem Geburtstag - nun also auch noch David Bowie. Zwei britische Gentlemen, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten (Kokain vs. alles außer Kokain), die aber beide für den unbedingten Glauben an kompromisslosen Individualismus standen, und die beide die letzten bzw. einzigen ihrer Art waren. Ich war meilenweit davon entfernt, ein obsessiver Superfan zu sein (von Motörhead besitze ich tatsächlich bis auf Samplerbeiträge gar nichts in meiner Musiksammlung), und doch kann ich mich nicht daran erinnern, dass uns in so kurzer Zeit so viel unwiederbringliche Rockgeschichte unter dem Boden weggezogen wurde. Allein schon weil Musik nie wieder den Stellenwert haben wird wie in jener Ära, aus der diese Ikonen stammen, kann es einfach keine Nachfolger mit vergleichbarer Breitenwirkung geben.

Was für ein Scheißtag. "Where the fuck did Monday go?"


Hätte ich diese Einleitung am Sonntag geschrieben, dann wäre sie mit Sicherheit kürzer geworden. Ich hätte mich gefreut, dass David Bowie es offenbar seit der Veröffentlichung von "Where Are We Now?" von "The Next Day" zu einer Tradition werden lässt, an seinem Geburtstag seine Fans zu beschenken und wäre dann unmittelbar zur Musik übergegangen.

Nun jedoch wäge ich ab, ob dieser Text noch Musikreview oder schon Nachruf ist - und welches er überhaupt mehr sein sollte. Für einen halbwegs sinnvollen Nachruf fehlt mir trotz steter Bewunderung nicht nur der tiefere diskographische Einblick, sondern auch die persönliche Bowie-Geschichte.

Ich habe ihn nie live gesehen und verbinde anders als z. B. gefühlt die Hälfte meiner facebook-Freunde auch sonst keine spezielle Lebenserinnerung mit ihm.
Ok, ich habe im Jahr 2002 mal in einem roten Kleid "Under Pressure" geschändet, aber das zählt wohl eher zur Kategorie "zurecht verdrängte Erinnerungen", haha.


Ist es überhaupt notwendig, dass ich bei dem aktuellen Überangebot an Kolumnen, Listen, Kommentaren, Videos zu Bowie auch noch meinen Senf dazu gebe?

Ja, das ist es! Zumindest für mich persönlich.
Doch auf der dunklen Seite des Internets äußern sich ja nun auch einige komplette Idioten zu diesem Album, und deren Anteil am Gesamttextaufkommen muss natürlich schon prinzipiell prozentual gering gehalten werden.

Also los:



DAVID BOWIE - Blackstar (2LP) (2016)

Als ich "Blackstar" zum ersten Mal nach David Bowies Tod hörte, klangen viele lyrische Anspielungen, über die anfangs noch gerätselt wurde, plötzlich ganz  klar und unmissverständlich.

In erster Linie fiel mir jedoch auf, dass sich mein Gesamteindruck des Albums angesichts der Umstände tatsächlich nur sehr wenig geändert hatte.
Schätze ich es noch mehr? Ja. Aber alles, was ich an "Blackstar" mag - und das ist so ziemlich alles - mochte ich auch schon bei den ersten Durchläufen am Erscheinungstag.

Und das ist kein Zufall, denn genau darauf hat der Künstler es ja auch angelegt.
"Blackstar" wurde geschrieben, damit wir es nach seinem Tod als sein Vermächtnis hören.

Das Album ist eine düstere Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben und dem Tod, enthält aber auch versöhnliche Elemente wie einen augenzwinkernden Gruß aus dem Jenseits in "Lazarus" und am Ende mit "I Can't Give Everything Away" den elegischen Abschiedsgruß an seine Fans.

Dass er sich auch darin noch verweigert, das Mysterium aufzulösen und alles von sich Preis zu geben, ist angesichts seiner Karriere nur folgerichtig. Es klingt makaber, doch David Bowie starb mit Stil. Wie auch sonst? Und er machte seinen Tod noch zur Kunst.
Es bleibt unvorstellbar. Achtzehn Monate Krebs und das Wissen um den eigenen Tod. Und doch wussten nur wenige Vertraute davon, während nicht nur "Blackstar", sondern auch das Musical "Lazarus" entstand, welches wiederum eine falsche (oder zumindest alternative) Fährte zu der Bedeutung dieses Songs legte. Sogar Finten schlug er also noch in seiner finalen Inszenierung.

Alles an und um dieses Album ist sehr bewusst konzipiert, beginnend mit der äußeren Gestaltung. Nachdem auf "The Next Day" ja schon sein jüngeres "Heroes"-Konterfei verdeckt wurde, ist "Blackstar" das einzige Bowie-Album, auf dem er selbst gar nicht auf dem Cover zu sehen ist.

Die Aufmachung der Vinyl-Ausgabe erinnert dabei an goldene Schallplatten, nur dass hier alles komplett schwarz ist. Der erloschene Stern wird vom Nichts verschluckt. (Das sieht übrigens nicht nur edel aus, sondern ist auch in der Umsetzung mit der festen transparenten LP-Hülle gut gemacht.) Das stilvolle Booklet ist zu großen Teilen glänzend schwarz auf matt schwarz gehalten und variiert nicht nur das Thema des schwarzen Sterns, sondern gibt auch darüber hinaus ein paar dezente optische Hinweise auf Bowies Biographie.

Die CD-Version kommt mit ihrem simpleren Schwarz-auf-weiß-Artwork zwar nicht an die Klasse der LP heran, doch erweist sich nun ideal als leicht identifizierbares Avatar-Bildchen der trauernden Anhänger in den sozialen Netzwerken. Es würde mich doch sehr wundern, wenn David Bowie, der auch in Bezug aufs Internet immer am Puls der Zeit war, das nicht vorausgesehen hätte.
So hat er noch sein eigenes "Je suis Bowie" geschaffen.


Vor allem aber hat er seinen Fans noch ein musikalisch bemerkenswert ambitioniertes und forderndes Werk geschenkt.

Mit einem weiteren Rock-Album der Marke "The Next Day" wären die meisten wahrscheinlich zufrieden gewesen, doch das hatte Bowie ja schon gemacht. Und spätestens seit der episch radiountauglichen Jazz-Single "Sue (Or In A Season Of Crime" von 2014 war klar, dass er jenseits von Vermarktungszwängen nur noch ganz konsequent tun würde, worauf er Lust hat.

"Sue" und dessen B-Seite "'Tis A Pity She Was A Whore" sind übrigens auch auf "Blackstar" enthalten, was mich zunächst etwas enttäuscht hatte, weil mir neues Material lieber gewesen wäre. Allerdings sind beide Versionen komplett neu eingespielt und anders arrangiert. "Sue" ist weniger orchestral ausladend und dafür kantiger. Vor allem der - nach wie vor echt eingespielte - Rhythmus ist nun nicht mehr fließender Jazz, sondern sperriger Drum and Bass-Breakbeat.

"'Tis A Pity" hingegen ist zugänglicher geworden und wirkt als zweites Stück nach dem verschachtelten zehnminütigen Titelsong, der vielleicht unwahrscheinlichsten Single aller Zeiten, regelrecht zerebral entspannend.

Jazz spielt auf dem kompletten Album eine zentrale Rolle, zumal David Bowie hier eng mit einer New Yorker Jazzgruppe zusammengearbeitet hat und jeder der sieben Songs mindestens ein für Pop-Verhältnisse unbegreiflich ausladendes Saxophonsolo enthält.
Die vor Erscheinen umgegangene Aussage "Bowie macht jetzt Jazz" ist allerdings falsch oder zumindest sehr vereinfachend. Die Songs an sich sind schon Rock, Art-Rock, Prog-Rock, Pop, allerdings umgesetzt unter anderem mit den Mitteln des Jazz. Die schon erwähnten Breakbeats, Elektronika und diverse andere Einflüsse spielen aber eine ähnlich wichtige Rolle für das Gesamtbild.

Und dass auf dem Album kaum Gitarren stattfinden sollen, ist im Grunde auch eine Übertreibung. Die sechs Saiten sind zwar nie die dominierende Kraft, jedoch schon essentieller Bestandteil der Songs.

Stammproduzent Tony Visconti hat verraten, dass Kendrick Lamars "To Pimp A Butterfly" ein wichtiger Einfluss gewesen sein soll, und dies zeigt sich nicht nur direkt in dem schräg herausstechenden Sprechgesangsstrophen von "Girl Loves Me", sondern im offensiven Selbstverständnis, mit dem auf dem ganzen Album unterschiedlichste Stile unter dem schwermütigen Schatten von Bowies Krankheit zueinanderfinden.

Nachdem David Bowie sich mit "Dollar Days" im Pink Floyd-Klanggewand von seiner Heimat England verabschiedet hat und auch der seltsam unbefriedigende, Leere hinterlassene  Fade-Out von "I Can't Give Everything Away" vergangen ist, liegen nur rund vierzig Minuten Musik hinter einem.

Das ist auf dem Papier wenig - und zunächst wünscht man sich auch, da käme noch mehr -, doch es passiert ja verdammt viel in dieser Zeit. Und es ist alles gesagt.

Was nicht bedeutet, dass sich Bowie nicht zu Weihnachten noch einmal aus dem All melden könnte, denn es sollen durchaus noch mehr Stücke aufgenommen worden sein. Allerdings sind dies wohl unfertige, von Bowie selbst in den letzten Wochen vor seinem Tod als Demos aufgenomme Stücke, die also nicht zu den "Blackstar"-Sessions gehören.
Sollten diese tatsächlich noch erscheinen, dann müsste diese posthume Veröffentlichung bei allen offensichtlichen Parallelen von "Blackstar" zu Queens "Innuendo" dann wohl "Made in Space" heißen.


Doch ganz gleich, ob da nun noch etwas kommt oder nicht; das ist die Vergangenheitsmusik der Zukunft.

Jetzt ist das Vermächtnis "Blackstar".

Und es ist groß. Es ist tief. Und es ist würdig.

R.I.P.



Anspieltipps: Lazarus, Blackstar, I Can't Give Everything Away, Sue (Or In A Season Of Crime) 


THE HIRSCH EFFEKT und KOLARI live im Hafenklang, Hamburg (15.01.2016)


Puh, nochmal Glück gehabt!

Da das Konzert im Speicher Husum ja nicht allzu lange her ist, hatte ich eigentlich gar nicht eingeplant, mir The Hirsch Effekt schon wieder anzuschauen. Vor ein paar Tagen fragte Sönke dann aber nach, wann das Konzert im Hafenklang denn wäre und ich dachte mir ach, warum eigentlich nicht?

Also standen wir gestern um Viertel nach Acht am Einlass und beobachteten, wie die Bude immer rappelvoller wurde. In diesem Internet las ich anschließend, dass das Konzert später ausverkauft und die Abendkasse geschlossen worden war. Mal gut, dass wir nicht noch länger nach einem Straßenparkplatz gesucht und uns den Luxus des Parkhauses gegönnt hatten!


Als Vorband betraten die Lokalmatadoren von Kolari die Bühne. Der Post-Hardcore-Sound der fünf Hamburger Jungs erinnerte mich sofort an die Australier Lo!, nur ohne Doom und dafür mit punkigeren Elementen und straighteren Klargesangs-Harmonien. Fettes Zeug, hat Laune gemacht!

Was soll ich zum Headliner des Abends noch groß sagen? Nach dem für mich vierten Konzert von The Hirsch Effekt seit Oktober 2013, und nachdem ich das aktuelle Album "Holon : Agnosie" auf Platz 3 meiner Top 20-Alben 2015 platziert habe, fühlt es sich allmählich redundant an an, nochmals zu betonen, was für ein abgefahrener Fickfuck das ist, was die drei Hannoveraner mit viel Präzision und Spielfreude ins Publikum fickfucken.
Der Mix aus altem und neuem Zeug war ähnlich ausgewogen wie zuletzt im September, nur das kleine Lemmy/Motörhead-Tribut-Ständchen gegen Ende war natürlich neu.

Vom Sound her habe ich die Hirsche schon besser erlebt, aber was soll's, dafür war die Stimmung ganz enorm. Geiles Ding mal wieder!


Meine Spielzeug-Digitalkamera kann ich bei Hafenklang-Konzerten eigentlich zu Hause lassen, da sie mit dem schwachen Licht dort nicht zurecht kommt.
Aber da The Hirsch Effekt immer ihre eigene Lightshow dabei haben, die ein bisschen mehr powert, habe ich doch ein paar Bilder hinbekommen.