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2009-08-09

Wacken 2009 - Festivalbericht

Wacken und ich - das ist ja ein ewiges Auf und Ab. Mal gehe ich gar nicht erst hin (naja, seit 1992 viermal und davon einmal unfreiwillig), mal bin ich enttäuscht, mal bin ich begeistert.

Dieses Jahr war letztes der Fall, was eigentlich erstaunlich ist, angesichts meiner alles andere als geringen Skepsis im Vorfeld.

Zunächst einmal fehlte ja der ganz große Kracher, sprich Metallica, den sich wie man liest die Wacken-Macher (noch?) nicht leisten konnten oder mochten. Aber auch andere seit Ewigkeiten überfällige Acts wie die von mir schon vor Jahren hier erwähnten Dream Theater oder Voivod lassen nach wie vor auf sich warten.
Stattdessen gab's haufenweise Nostalgie mit Bands, die in den Anfangstagen oder später zigmal aufgetreten sind, ein Konzept, welches ich gerade auf einem Festival mit derart vielen Gruppen, die ohnehin alle zwei, drei Jahre wiederkommen, weder besonders innovativ noch spannend finde.
Großer Jubel natürlich auch bei der Ankündigung, dass Slayer die Spin-Off-Festivals, aber nicht Wacken selbst headlinen würden. ;)
Und dann natürlich noch die kurzfristige Absage von Anthrax...

Ein jubiläumswürdiges Billing hätten sich nicht nur ich, sondern so ziemlich alle, mit denen ich drüber gesprochen habe, anders vorgestellt. Und immer auch die Frage, was denn bitte die Anhebung des Ticketpreises rechtfertigen sollte. Etwa das *hüstel* Wrestlingzelt?


Tatsächlich fand ich das Festival dann aber ziemlich geil.

Ich hatte mal wieder netten Damenbesuch aus Trans-Bodenseeien zu Gast und wir waren erstmals von Mittwoch an vor Ort, haben allerdings jede Nacht die Vorzüge eines echten Bettes plus echter Dusche zu Hause genossen. Pflichttermine in Wacken hatten wir auch wenige, beste Voraussetzungen also, um das Open Air mal ganz ausgeruht und entspannt anzugehen.
Der Tagesparkplatz lag wieder am Ortsausgang von Gribbohm - erfreulich, dass in diesem Punkt in den letzten Jahren tatsächlich mal Kontinuität eingekehrt ist.
Nicht ganz so erfreulich die Bekanntschaft, welche meine Füsse auf den letzten zwei Metern zu meiner Autotür mit einer auf eben diesem Parkplatz liegenden Gestalt machten. Gut, dass der Mensch nicht anders herum dort gelegen hat, sonst wäre ich ihm wirklich mit vollem Körpergewicht mitten in die Fresse eingestiegen, so erwischte ich nur erst Beine, dann Magen... Ich werde auf jeden Fall nie mehr so unbekümmert ins Auto einsteigen wie vorher. ;)


Am Mittwoch habe ich noch nicht sonderlich viel Musik gehört (die Wacken Firefighters gingen in der "Pillermann, Fotze, Arsch" singenden Biergartenmeute auch ziemlich unter), sondern mich sozusagen erstmal akklimatisiert und das neu gestaltete Gelände kennengelernt.
Als ich das erste mal am schon erwähnten, umstrittenen Wrestlingzelt vorbeikam, stand eine nicht weiter erwähnenswerte Hardrockband im Ring. Ansonsten herrschte dort jedes Mal tote Hose - und ich habe das Ding einige Male passiert. Kann es sein, dass das dort angedrohte Spektakel in Wirklichkeit niemals stattgefunden hat? ;)

Die "Medieval Action & Fantasy Area" hat mich hingegen positiv überrascht, als Ort an dem man immer mal gut ein wenig entspannen und sich amüsieren konnte. Neben dem für mich nicht sonderlich interessanten Mittelaltermarkt gab es dort eine Veranstaltungsfläche, auf der es unterhaltsame Dinge wie Highlandgames, Feuershows, Liverollenspielkämpfe zu kucken gab. Essen bekam man hier günstiger als an den meisten anderen Buden des Festivals, und nicht zuletzt gab es auch hier eine Livebühne, die abends bespielt wurde und vor der ertstaunlicherweise nicht ein einziger Securityklotz Wache schob. Bemerkenswert, wenn man bedenkt, mit wie großen Wachmannschaften z.T. die Sicherheit auf der Biergartenbühne gewährleistet wird.

Ab Donnerstag habe ich mich dann aber schon mehr auf die Musik konzentriert.

Bis auf vereinzelte Songs waren zwar kaum Bands vor Ort, deren Programm ich wirklich kannte, dennoch habe ich viele ordentliche, gute und auch richtig geile Gruppen gesehen oder zumindest ausschnittsweise mitbekommen.

Highlights am Donnerstag:
  • die ganz und gar unmetallischen aber immerhin Ministry covernden Cowboys von The Bosshoss
  • der ganz und gar urmetallische (und dies in einer ganz eigenen Liga) Black Sabbath-Ableger Heaven & Hell. Da war in jedem Moment zu spüren, dass lebende Legenden Klassiker spielen, auch wenn es neue Songs wie "Bible Black" oder "Follow The Tears" waren. Ronnie James Dio ist wohl von allen fast 70jährigen Metalsängern der charismatischste und stimmgewaltigste, und Tony Iommi mit seiner alten abgewetzten Klampfe - einfach nur Kult. Selbst das Schlagzeugsolo von Vinny Appice, bei dem er die gesamte Bassdrumsammlung hinter sich ausnutzte, war unterhaltsam. Dabei hatte ich kurz vorher bei Running Wild noch über den immer gleichen Aufbau von Drumsoli im Metal genörgelt. ;)
    Den Höhepunkt eines absolut überzeugenden Sets markierte der Song "Heaven and Hell" selbst, dessen Mitsingchor ich auf dem Weg nach Hause noch mehrfach zu hören bekam.
    Alles in allem ein würdiger Night-To-Remember-Headliner!
Freitag:
  • Airbourne kamen, sahen und rockten alles in Grund und Boden! Laut, dreckig und immer nach vorne; in wessen Fußstapfen die Australier eines Tages treten wollen, steht außer Frage. Und angesichts des noch jungen Alters der Bandmitglieder erscheint die Vorstellung gar nicht unrealistisch. In der Menge sorgten Airbourne für viel Bewegung und bei den Verantstaltern sicherlich für nervöses Atemstocken, als der Frontmann mit Gitarre das Bühnengerüst hinaufkletterte. Rock'nRoll!
  • Die Entdeckung des Festivals für mich waren Swashbuckle, welche abends auf der Medieval Stage spielten und von denen ich vorher noch nie gehört hatte. "Commodore Redrum", "Admiral Nobeard" und "Captain Crashride" nennen sich die drei Amis, tragen ähnlich wie Running Wild alberne Piratenkostüme, verpacken ihr Konzept aber in fröhliche, an S.O.D. und Macabre erinnernde Knüppelsongs. Ziemlich albern, aber sehr geil und auch musikalisch exzellent.
Samstag:
  • Ich erreichte das Festivalgelände pünktlich zu Cathedral.Lee Dorian bewegt sich auf der Bühne immer noch wie ein Tanzbär und versucht nach wie vor nicht, so zu tun, als sei er ein großartiger Sänger. Das macht allerdings überhaupt nichts, da hier alles, was evtl. als Schwäche ausgelegt werden könnte, perfekt kultiviert wurde. Und die Qualität der Musik steht eh außer Frage. Zumeist düsterer Doom mit 70s-Einschlag, je langsamer sie wurden, desto besser fand ich's.
  • GWAR!
    Ok, die ins Publikum gerichteten Spritzeffekte verpufften angesichts mangelnder Reichweite, die kaum den riesigen Graben überbrückte, etwas. Aber ansonsten: coole Mucke, lustige Kostüme und politisch gnadenlos inkorrekt. Es gibt außer Oderus Urungus und seinen außerirdischen Freunden wohl kaum jemanden sonst, der es heutzutage wagen könnte, auf der Bühne Hillary Clinton, Barrack Obama und Michael Jackson zu köpfen.
    Der Oberknaller war aber, als am Ende des leider wegen Zeitmangel um eine Zugabe gekürzten Auftritts tatsächlich der olle Killersaurier Gor-Gor ausgepackt wurde. Irgendwer hatte allerdings vergessen, dem Ding die Haken an Kopf und Rücken rauszudrehen, was irgendwie auch recht lustig aussah. Naja, ehrlich gesagt ist mir dieses Detail erst aufgefallen, als mein Bandkollege Sönke mich beim Betrachten meiner Wackenfotos darauf aufmerksam gemacht hat. ;)

Ich würde mir zwar keinesfalls von jeder Band, die ich mitbekommen habe, einen Tonträger besorgen, aber so richtig durch und durch mies war eigentlich nichts, was ich gesehen habe.
Sogar der Ex-Onkel W war ja bei etwas Tolenranz rein musikalisch nicht wirklich zu beanstanden, sondern erzeugte vor allem durch einige Texte und das peinliche Respekt-Geschwallere in seinen Ansagen akute Schübe des Fremdschämens.

Am ärgerlichsten waren für mich eigentlich Charly Beutin und die Schreckschuss-Band, welche am Samstag parallel zu Machine Head nur bis zwei Meter vor der Biergartenbühne zu hören waren, sich davon aber nicht daran hindern ließen, zu überziehen, wodurch Mambo Kurt nur noch Zeit für ein sehr kurzes Set blieb.
Vielleicht hätte ich den Meister der Heimorgel, der diesmal auch mit Go-Go-Tänzerinnen, einem C-64 und dem aus den 80ern gefürchteten weißem Umhängekeyboard aufwartete, doch schon vorher mal bei einem seiner zahlreichen Auftritte aufwarten sollen.
Mittwochs im Zelt hat er ja z.B. mal wieder eine Orgel zertrümmert. Und am Donnerstagnachmittag kam ich ganz unerwartet direkt an ihm vorbei, als der Mann in beige auf halber Strecke zwischen Festival- und Mittelaltergelände mit seinem Instrument auf dem Dach eines Busses saß, um die Meute der zufällig dort Anwesenden mit dem wohl grottigsten Bühnensound des Festivals zu bespaßen.

Apropos Sound: Im Großen und Ganzen ist der natürlich ok, aber zwei Fragen muss man stellen dürfen:

1. Warum gibt es immer wieder Bands, die viel zu laut oder viel zu leise sind? Bei Volbeat konnte man sich z.B. direkt an der Absperrung noch prima unterhalten... Das Problem ist ja nicht wirklich neu.

2. Wenn man schon auf dem Vorplatz eine Videowall mit eigener PA hinstellt, auf der das Konzert von einer der Hauptbühnen zu sehen ist - kann man dann nicht auch dafür sorgen, dass nur der Sound der Bühne, auf der gerade gespielt wird, zu hören ist?
In Saxon plötzlich dazwischenpolterndes Soundcheckgetrommel und Gitarrengeschrammel wirkt nämlich verstörend unprofessionell. Zum Glück habe ich mir die letzten Songs vor der richtigen Bühne angehört.


So, genug getippt und bevor ich noch mehr lästere:
Yep, Wacken 2009 fand ich trotz nicht ganz jubiläumsreifem Billing wirklich gut! ;)


[edit 02/2010: Habe die Kommentarfunktion hier deaktiviert, da ich an dieser Stelle momentan täglich Spam ablehnen muss.]